Sonntag, 13. Mai 2012

[Kunst-Ausstellungen / Vortrag] Preview-Vortrag: Jeff Koons im Liebieghaus Frankfurt am Main

Pudel werfen ihre Schatten voraus oder: wer hat Angst vor der Erbsünde?

Im Vorfeld der Ausstellung „THE PAINTER & THE SCULPTOR“ in Zusammenarbeit mit der Schirn Frankfurt hielt Prof. Dr. Vinzenz Brinkmann (Leiter der Antikensammlung / Liebieghaus Skulpturensammlung) am 9. Mai 2012 den Vortrag  „Göttlicher Sex. Jeff Koons und die Antike“.

In essayistischer Form ging Prof. Dr. Brinkmann der Frage nach, wie das Oeuvre des 1955 geborenen Bildhauers und Malers Jeff Koons konzeptionell auf ein vorchristliches Verständnis von Sexualität bezogen und verstanden werden kann. Insbesondere unter Rückgriff auf antike griechische und christliche Texte sowie figürliche Darstellungen an Tempelbauten Indiens, entwickelte Brinkmann seine These. Der heutige Betrachter von Koons Werken sei von einer christlichen Sichtweise geprägt, nach der der Mensch die Sexualität und demgemäß per se Schuld in sich trage. Koons beziehe sich hingegen auf ein antikes, vorchristliches und somit ursprüngliches Lebensverständnis und naturalistisches Verhältnis zur Sexualität („biology“).

Der anregende Vortrag entwickelte - und das traf sicherlich die Erwartungen des fachlich interessierten Publikums - die These in Form einer gedanklichen Mindmap, die in ihren bunt verästelten Strängen zahlreiche Fragen eröffnete, weiterführende Einsichten und Ideen gab. Kann der Kulturschaffende in unserer Multi-(kulturellen, religiösen usw.)Zeit von einem - mehr oder weniger in das Thema eingelesenen - Besucher einer Kunstausstellung erwarten, dass dieser beim Anblick der Koonsschen Werke in erster Linie unsittlich berührt, an die Erbsünde erinnert oder von Schuld geplagt sei? Wie "christlich" ist unsere Gesellschaft, unsere Welt heute? Sind wir nicht (wiederum) auf dem Weg in eine naturalistische Lebensform? Schockiert den modernen Menschen wirklich noch der Anblick einer Frau in Dessous? Löst die bunte Plastikwelt beim Betrachter vielleicht weder Gedanken an Prüderie, noch an Naturalismus aus, sondern erinnert ihn zunächst an Comic, Kitsch, eine in die Jahre gekommene Pop-Art - oder doch einfach an eine nächtliche Werbesequenz bei RTL2? Sind Bubbles und Michael Jackson, Popeye und Pink Panther noch Gegenwartskunst oder eigentlich schon "klassischer Stil"? Geht ein Besucher hinduistischen Glaubens anders mit dieser Form der Kunst um? Ist Religion in diesem Sinn überhaupt relevant? Wird Indien - und nicht nur im rückblickenden, sondern auch in der Vorschau und im übertragenen Sinn, wie z.B. im Hinblick auf die wirtschaftliche Entwicklung - zum Maß der Dinge? Fragen über Fragen.

Diese oder andere Überlegungen wanderten manchem Zuhörer durch den Kopf. Angeteast und bei steigender Spannung heißt es also nun auf die Ausstellungseröffnungen zu warten. Beide Häuser werden ab 20. Juni 2012 u.a. Werke der neuen "Antiquity"-Serie von Koons zeigen, in der sich der Künstler mit antiker Kunst auseinandersetzt. Abzuwarten bleibt nicht nur, wie die Gemälde und Skulpturen an sich, sondern auch deren Präsentation vom Publikum aufgenommen wird.

Doppelausstellung „Jeff Koons. The Painter“ und „Jeff Koons. The Sculptor“ vom 20. Juni bis 23. September 2012 in der Schirn und im Liebieghaus Frankfurt am Main.

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