Montag, 25. Juni 2012

[Rezension] "Der Mona Lisa Schwindel" von Deborah Dixon

Kopie, Original oder egal? Real, wirklich, echt oder wahrhaftig?

Im Zeitalter medialer Omnipräsenz drängt sich die Frage nach Realität, Wirklichkeit und Wahrhaftigkeit geradezu auf. Neigen wir vielleicht noch dazu, Geschriebenes zu hinterfragen, so schenken wir doch dem, was uns als Foto, als vermeintliche optische Realität präsentiert wird, häufig allzu schnell Glauben. In Eile, gleichgültig oder abgestumpft konsumieren wir Bilder - und sollten doch manches Mal nach der Herkunft der Abbildung, der Bearbeitung, nach dem Bildausschnitt, der Perspektive oder der Gewolltheit und Intention dessen fragen, was uns vor Augen geführt werden soll. Ist das, was wir sehen, das, was es ist? 

Aber dass die "Mona Lisa", die im Pariser Louvre hängt, das "echte" Gemälde Leonardos ist - haben Sie bisher daran gezweifelt? Die Kunsthistorikerin Deborah Dixon nimmt uns mit in die Zeit um und nach 1900, in die Welt der Künstler und Fälscher. Auf Grundlage der Tagebücher ihrer Freundin Laura de Valfierno, Frau des Genueser Kunsthändlers Eduardo de Valfierno, und unter Rückgriff auf Archivmaterialien zeichnet sie das Szenario vom Plan die Mona Lisa im Jahr 1911 aus dem Louvre zu stehlen, erzählt von den hierzu von Yves Chaudron meisterlich angefertigten Kopien und dem Untergang von drei Kopien mit der Titanic 1912. Ein passant entfaltet sie ein Panorama von Künstlermilieus der Zeit bis zum Zweiten Weltkrieg - von Marseille über Marokko und Kuba bis zu einer letzten Party in Hollywoodland. 

Deborah Dixon holt uns zu Beginn des 20. Jahrhunderts in Marseille ab. Diverse Erzählstränge, Haupt- und Nebenschauplätze mit Mini- und Maxi-Exkursen führen an der Geschichte der Kopien und der wahren La Gioconda entlang. Die Geschichte ist verwoben, sprunghaft, additiv wie eine Collage, ausschweifend. Sie fokussiert in wechselnder Erzählhaltung mal hier auf historische Details, studiert dort das Künstlermilieu, beschreibt den amerikanischen Geldadel, führt in Liebes-Beziehungen ein, skizziert die Vor-Kriegsstimmung, klärt über den Maggi-Suppenwürfel auf, den Verbleib von Manuskripten Hemingways, plaudert und gibt Anekdotisches zum Besten. Fast drängt sich der Eindruck auf, dass hier alles Wissen in die Waagschale geworfen werden soll. Und auch wenn im Spiel mit Genres, Form, Struktur und Inhalt ein gewisser Reiz liegt, hätte ein entschlossenerer Umgang dem Lesefluss, dem Buch, dem Leser, vielleicht gut getan.

Ob das Buch, die Geschichte selbst die Wahrheit spricht oder vielleicht doch von erfundenen Begebenheiten berichtet? Diese Frage wird der Leser für sich selbst beantworten müssen. Optisch und haptisch ist es jedenfalls ein kleiner Schatz: Im offenen Schuber mit designtem Cover, in limitierter, nummerierter Auflage hergestellt und klassisch mit rotem Lese-Bändchen; vorn lächelt uns Mona Lisa großflächig entgegen, hinten Holzstruktur wie die Rückseite eines Tafelgemäldes und der Einband mit einem Anflug samtiger Zartheit.

Zuletzt bleibt die Frage, was (uns) Echtheit und Wert von Kunst definiert. Geschmacksache, eine besondere Idee oder gesellschaftliche Bedeutung? Prestige, Investition oder Spekulationsobjekt? Alter, Zuschreibung/Provenienz oder die Datierung von Farbpigmenten und Leinwänden? Von allem ein wenig? Wenn der Wert sich nicht mehr z.B. aus dem Duktus, der Motivwahl oder persönlichen Präferenzen generiert, sondern ausschließlich auf archäometrischen Untersuchungen basiert, die zu einem sog. Marktwert führen: Sollten wir uns da nicht mal wieder die Frage stellen, was für uns persönlich Kunst überhaupt ausmacht? Oder ob für unsere Zeit nicht gilt: "Man sieht, was man sehen will, und selbst wenn man nichts erkennt, hat man es doch fotografiert." (S. 315, Nachwort des Herausgebers Werner Fuld)

Besuchen Sie doch einfach wieder einmal ein Kunstmuseum oder eine Ausstellungshalle - und machen sich selbst ein Bild. Oder gehen Sie gleich in den Louvre."Gehen Sie nahe dran, links an die gestickte Borte am Kleid." (S. 309).  

Der Mona Lisa Schwindel. Frankfurt am Main: Eichborn AG, Dezember 2011. ISBN 978-3821862453.

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