Montag, 30. Juli 2012

[Kunst-Ausstellungen] JEFF KOONS: THE PAINTER in der Schirn Kunsthalle Frankfurt am Main

Hyperrealismus als Business oder ist "das... alles nur geklaut"?

"Ich schreibe einen Hit,
die ganze Nation
kennt ihn schon.

Alle singen mit, "Eo , eo!"
ganz laut im Chor,
das geht ins Ohr.

Keiner kriegt davon genug,..."[1]

Der viel diskutierte Begriff des Kunstmarktes wird in Koons Objekten und Tafelbildern plastisch und plakativ gegenwärtig. Zehn Jahre nach "Shopping. 100 Jahre Kunst und Konsum", der ersten Ausstellung Max Holleins in der Schirn Kunsthalle in Frankfurt, in der auch Jeff Koons Werkgruppe "The New" präsentiert wurde, ist Koons zurück, mit einer Doppelausstellung in Zusammenarbeit mit der Liebieghaus Skulpturensammlung.

Ein Begrüßungsküsschen von einem hyperrealistischen Mund gefällig? Seien auch Sie metallfolien-geherzt. Aber setzen Sie sich doch erst einmal und machen es sich vor einem reich belegten Schinkenbagel, einer angebissenen Breze oder umherschwebenden Maiskörnern gemütlich. Keine Angst, hier sind sie geschätzter Gast, hier werden alle Wünsche erfüllt. Gut, der Bagel riecht nicht, schmeckt nicht und ist nur auf die riesige Leinwand gemalt. Und Moment mal, das gab es doch schon, nein, nicht nur in barocken Stillleben, auch bei Tom Wesselmanns "Still Lifes", wie z.B. Nr. 20 mit integriertem Mondrian Gemälde und Nr. 24, mit Maiskolben und Fernweh, oder auch in Wayne Thiebauds Torten-, Süßigkeiten- und Spielzeug-Bildern. Auch war die Darstellung schon mal greifbarer - "Donuts, Coffee Cups and Comics", 1962 von Jann Haworth einladend plastisch serviert, oder von Claes Oldenburgs legendäre Törtchen- und Burger-Soft Sculptures, wie der "Floor Cake" - aber eben auch nicht genießbar.

Was also halten von den Werken des Jeff Koons? Techniken als auch Motive scheinen durchweg bekannt. Rasterpunkte aus der Drucktechnik, Lithografie, Öl auf Leinwand, teils in der Wirkung als Collagen oder mit Übermalungen - das alles auf überdimensionierten Leinwänden. Schauen Sie nach links - ja zuerst ein bisschen aus den Ben-Day Dots von Roy Lichtenstein, den Polke-Punkten aus den Sechzigern des letzten Jahrhunderts oder wahlweise Pünktchen des Pointillismus herausfokussieren - scharfstellen und dann sehen sie schon, ja, irgendwie, hm, das könnte ein Foto der Schlafenden von Gustave Courbet sein - oder so ähnlich. Übermalungen kennt die Kunst spätestens seit der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg als festen Bestandteil und die Koonsschen Collagen lassen an die großformatigen Leinwandbilder des Pop Art-Künstlers Peter Phillips - in Puzzleoptik und grellen Farben gestaltet, denken. Koons will nicht Pop sein und doch erfüllt seine Oeuvre die Erfordernisse: "Die Motive sind häufig der Alltagskultur, der Welt des Konsum, den Massenmedien und der Werbung entnommen, während die Darstellung in fotorealistischer und meist überdimensionierter Abbildung erfolgt."[2]

Die Tafelbilder sind "assoziativ" gehängt, klärt der Kurator Matthias Ulrich auf. Der Betrachter steht nun also vor dem Problem, des Rätsels Herr zu werden, welche Motive zu welcher Serie von Koons gehören, wo die Anfänge zu finden sind - das sind die "kleinen" Alkohol-Werbe-Bilder hinter dem Eingang links - und ob es eine Entwicklung gab oder was uns die großen, bunten Leinwände sagen möchten. Im Gegensatz zur überwiegenden Ausstellungspraxis der Schirn sind in die Präsentation nur wenige Stellwände eingezogen. Die Raumgestaltung schafft zwar Platz und die nötigen Freiräume um die großflächigen Tafelbilder in Gänze betrachten zu können, nimmt aber auch Orientierungsmöglichkeiten. Der Besucher ist letztlich aufgefordert sich selbst ein Bild zu machen.

Im räumlich abgetrennten, östlichen Bereich zum Dom hin wird es dann schon ziemlich eindeutig, um was und vor allem wen es geht. Das Blumenkränzchen ist Frau Stallers Accessoire, sie wiederum ist Dekoration für "seine" Inszenierung: Wir stehen vor Teilen der "Made in Heaven"-Serie, Koons' Beitrag für die Biennale in Venedig 1990. Der plakative Charakter erinnert an Mel Ramos' nackte Damen - auf Tieren, sowie auf und in diversen Lebensmitteln -, bei Wesselmann standen schon einmal weiblicher Mund und Brustwarze im Mittelpunkt des Geschehens und die Darstellung der begehrenswerten, käuflichen Frau kennt die Kunstgeschichte spätestens seit Manets Nana; dazu vielleicht noch eine Prise Canova. Gemein und speziell ist den Tableaus Koons als Person in äußerst direkter Selbstdarstellung mit sämtlichen Bestandteilen - und diese Details interessieren dann vielleicht doch nicht jeden...

Gehen wir nun hinüber zur vom Dom abgewandten Seite der Ausstellung. Apropos Dom, selbst die Vorgehensweise des "Ich denke, andere machen" - auch schon mal dagewesen; man erinnere nur an Dombauhütten, Werkstätten von Malern oder Warhols The Factory. Hier empfängt der grüne Hulk den Besucher. In der Liebieghaus Skulpturensammlung plastisch aufgestellt, könnte er motivische Reminiszenz zur Beschäftigung von Pop Art-Künstlern mit Science Fiction und Horror-Filmen, wie z.B. dem "King Kong" von Nicholas Monro aus dem Jahr 1972, darstellen. Es folgen Tafelbilder aus der Popeye-Serie ab 2002, neben der Titelfigur u.a. mit einem Piraten, sowie Delfin und Hummer in den Hauptrollen, die teils im Liebieghaus in Stahl ausgeführt zu sehen sind. Mit dem Spinat mampfenden Seemann haben sich ja bereits Warhol und Lichtenstein auseinandergesetzt; Delfine und Hummer erinnern an die Tiere aus Bronzeguss von Rosemarie Trockel zu Beginn der Neunziger des vergangenen Jahrhunderts, wie z. B. eine am Schwanz aufgehängte Robbe.

Den Abschluss des Parforceritts durch die Kunstgeschichte bilden zwei vis-a-vis gehängte Tableaus der neuen Antiquity-Reihe - back to the (vermeintlichen) roots, dekoriert mit Pin-up-Girl, bekanntem Äffchen, Bade-Delfin und vaginalem Linienschwung vor anonymen Wellen, die vielleicht an Hokusai denken lassen. Und wir erinnern uns: an der Ostseite der Schirn Kunsthalle hängt (der Gegenpart) "Made in Heaven" - ein Schelm, der sich an die assoziative Hängung erinnert :)

Was bleibt - was ist neu - wo liegt die Idee - was ist einzigartig? Vielleicht das Perfekte. So der DIY-Künstler in seiner nahezu perfektionierten, theatralischen Selbstinszenierung. Aber man denke nur an Dalí, Warhol oder Beuys - vielleicht noch perfekter, aber wieder nichts wirklich Neues. Schließlich bleibt die von Koons gehypte "Perfektion" seiner Werke und die dahinter stehende, beharrliche Obsession. Er hat sich im zeitgenössischen Haifischbecken des Kunstbetriebs durchgesetzt. Aber da wären wir bei der nächsten Reminiszenz - und das würde nun wirklich zu weit führen :) Im Gegensatz zu den Wirtschaftskrisen scheint der Kunstmarkt jedenfalls prächtig zu funktionieren - und darin sind augenscheinlich alle Parteien ihres Glückes Schmied.

"... und die Frage wird besprochen,
wo der Künstler eigentlich gerade ist.
Abstrakt gesagt: wo steht der Künstler momentan? ...
Der Witz ist, seine Position ist völlig frei.
Noch nicht einmal die Kunst bestimmt die Stelle,
wo der Künstler steht.
Er kann im Kino stehen, im Pop,
er kann sich soziologisch orten, literarisch,
oder in der Tradtition des Neuen, er kann in alle
Richtungen den Kunstkontext verlassen haben,
er kehrt dorthin zurück
nach komplett eigener Bestimmung.
Und trägt mit dieser Freiheit
nur eines noch als letzte Last,
die Position des Einzelnen dem Ganzen gegenüber,
das ist das Tolle dieser neuen Position.
Von da aus fällt der Blick jetzt auf die Bilder,
von den Bildern hier zurück auf uns."[3]

Doppelausstellung JEFF KOONS. THE SCULPTOR und JEFF KOONS. THE PAINTER in der Schirn Kunsthalle und im Liebieghaus Skulpturensammlung in Frankfurt am Main. Noch bis zum 23. September 2012. Mein Beitrag zu JEFF KOONS.THE SCULPTOR in der Liebieghaus Skulpturensammlung hier.

Die Aufzählung der Erinnerungen, Anklänge und Reminiszenzen erhebt natürlich weder den Anspruch auf Vollständigkeit noch ist intendiert, die genannten Kunstwerke in thematischen Zusammenhang mit dem Koonsschen Oeuvre zu stellen.

[1]  zitiert aus dem Songtext "Alles nur geklaut" von Die Prinzen, produziert von Annette Humpe, veröffentlicht u.a. 1993 auf dem gleichnamigen Album, BGM/Hansa LC0835.
[2] zitiert aus Wikipedia. "Pop Art", http://de.wikipedia.org/wiki/Pop_Art, zweiter Absatz. Abgerufen am 30.07.2012, 20.41 Uhr MESZ.
[3]  zitiert aus: Goetz, Rainald. Jeff Koons. Stück. Frankfurt am Main: Suhrkamp, 2002, S. 11.

Kommentare:

  1. Mir war gar nicht aufgefallen, daß die Bilder in Richtung Dom hingen… ;) Herzlichen Dank für Deinen Beitrag, Tabea, ganz sicherlich einer der sachkundigsten, die aus dem Event hervorgegangen sind. Ich denke nach alledem, man kann es sich einfacher machen: Koons lebt von diesen Bildern, seine Angestellten leben davon und alles drumheraum auch. Und wir betrachten sie uns: Die Bilder, Mr. und Mrs. Koons und den ganzen Rest – und im besseren Fall auch uns selbst, während wir das alles betrachten. – Vielleicht gäbe es doch noch eine bessere Möglichkeit, seine Zeit zuzubringen? ;)

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    1. Vielen Dank für Deinen lieben Kommentar. Als ich gestern zum Schreiben kam, war das Netz schon gut gefüllt mit Kommentaren und Bildern zum Treffen an sich. Und thematisch ist das oben eh mehr meins. Naja, wenn wir uns bei der Hängung in und mit den Tableaus spiegeln würden, wären wir jetzt schon im Unendlichen - aber um uns so lange faszinieren zu können, fehlt dem Blingbling der Charakter :)

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