Donnerstag, 12. Juli 2012

[Kunst-Ausstellungen] SHOPPING. 100 JAHRE KUNST UND KONSUM in der Schirn Frankfurt am Main (2002)

Nach Feierabend noch schnell zu Tengelmann

In der Schirn Kunsthalle Frankfurt führt Max Hollein „Shopping.-“ ad absurdum

Wie immer Freitag Abend, Freunde zum Essen eingeladen, noch nichts eingekauft und um 20.00 Uhr schließen die Läden. Am Römer soll ein neuer Supermarkt eröffnet haben – täglich frische, appetitliche 1A-Ware. An Einkaufswagen und Körbchen vorbei sause ich in den Laden hinein und biege gleich rechts zu Obst und Gemüse ab. Beschwingt greife ich mit der Rechten nach den saftigen Tomaten. Da räuspert sich hinter mir eine nachdrückliche Stimme: „Entschuldigung...“ Ich fahre herum und blicke in zwei hochgezogene Augenbrauen einer Dame mittleren Alters im adretten, dunkelblauen Kostüm. Also, ich hab´s wirklich eilig; was sie denn wolle, frage ich ungeduldig – mit der Linken nach den aromatischen Weintrauben tastend. „Sie dürfen das nicht Anfassen...“ Ja, wieso, warum denn nicht ?

Gekonnt inszeniert Schirn-Direktor Max Hollein seine erste eigene Ausstellung „Shopping.-“ in der Schirn Kunsthalle Frankfurt in Zusammenarbeit mit der TATE Liverpool. Einladungen zur Vernissage in Form bedruckter Einkaufstüten, von Saatchi&Saatchi entworfene, schrille Plakate mit der Aufschrift "Alles muss rein" in der ganzen Stadt, Vorab-Präsentation auf dem Flughafen und an der Galeria Kaufhof und schließlich als dramatisches Finale die Ausstellung selbst. Der vergoldete Einkaufswagen von Sylvie Fleury weist den Weg hinauf in den Olymp der Einkaufswelten-Konsumgesellschaft. Und Guillaume Bijls eigens für die Schirn-Ausstellung geschaffener „Neuer Supermarkt“ bildet das adäquate amuse guelle, dem der Besucher nur mit fest hinter dem Rücken verschränkten Armen widerstehen kann. Hier der Biokeks, dort das Duschgel – war denn nicht heute morgen gerade die Zahnpastatube leer geworden ? Nein, nicht wieder hingreifen !

Dem inneren Verlangen zu entrinnen flüchte ich. Links um die Ecke klatschen wild gestikulierende Besucher in die Hände und führen Freudentänze vor Ben Vautiers „Le bizarre Bazar“ auf, wenn der Fisch singt, Gebisse auf der Leine klappern oder ein pinkfarbenes Plüschschwein mit der Schnauze blaue Farbe auf der Wand verteilt. Dahinter Filzobst, Chromstahl-Eier von Robert Watts, und Kunststoff-Pizza in der Tiefkühltruhe. Rechts von Tengelmann winken mir BHs hinter einem Riesenschinken zu. Ich glaube, mir wird schwindelig. Der nächste Gang: ein verhängtes Schaufenster – welch eine Erholung für die Sinne.   

Hier ist der Rausch von „Shopping.-“ aber noch lange nicht zu Ende. Hamburger, Hemden und Schuhe aus Claes Oldenburgs „Store“ von 1961, Hoover-Staubsauger in neonbeleuchteten Vitrinen aus der Serie „The New“ von Jeff Koons und sorgfältig gestapelte Glücksklee-Milchdosen von Thomas Bayrle sind ebenso vertreten wie ein von Christo verpackter Einkaufswagen und Beuys vermoderte „Wirtschaftswerte“ von 1980. Werke von mehr als 70 Künstlern -  darunter Arbeiten von Man Ray, Marcel Duchamp, Gerhard Richter, Andy Warhol und Roy Lichtenstein - spiegeln die bunte Konsumwelt der vergangenen 100 Jahre facettenreich wider. Ob Freizeitbeschäftigung, Unterhaltung, öffentliches Ritual, Notwendigkeit oder Lustgewinn: wir sind fasziniert, verführt, paralysiert und erschöpft oder wie Barbara Kruger 2200 qm groß auf die Fassade der Galeria Kaufhof auf Frankfurts Einkaufsmeile Zeil schreibt: „"DAS BIST DU, DAS IST NEU, DAS IST NICHTS, DAS IST ALLES. DU WILLST ES, DU KAUFST ES, DU VERGISST ES".  Und auch bei Risiken und Nebenwirkungen hat Max Hollein am Ende des Ganges mit der Installation „Pharmacy“ von Damien Hirst vorgesorgt. Ob Kopfschmerz, Schwindel, Übelkeit oder Kaufrausch: Hier werden Sie geholfen.

Ausstellung „Shopping“ in der Schirn Kunsthalle Frankfurt am Main, noch bis 1. Dezember 2002. Eintrittspreise: € 6,99 / erm. € 4,99 / Kinder unter 8 Jahren frei. Zur Ausstellung gehört neben Barbara Krugers Installation auch der am Flughafen Frankfurt eröffnete "1 Euro Market" des thailändischen Künstlers Surasi Kusolwong. Begleitend zur Ausstellung werden im Cinestar Metropolis (Eintritt nur € 3) und im Kino des Deutschen Filmmuseums (Originalfassungen) Filme rund ums Shopping gezeigt.

(Erstmalige Veröffentlichung dieses Beitrags im Oktober 2002 auf www.portalkunstgeschichte.de) 

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