Sonntag, 23. September 2012

[Kunst-Ausstellungen] Der Kiepenkerl: Ein Abschiedsbesuch im Garten der Liebieghaus Skulpturensammlungen

Nicht ganz vollkommen perfekt

Er hatte es am Anfang nicht leicht - in Frankfurt. Wirbel hat er verursacht und Empörung. Der Kiepenkerl von Jeff Koons vor dem Café des Liebieghauses, als Bestandteil der Doppelausstellung JEFF KOONS. THE SCULPTOR und JEFF KOONS. THE PAINTER in Zusammenarbeit mit der Schirn Kunsthalle.

Ihren Nachmittagskaffee und den leckeren Kuchen im Liebieghaus-Garten lassen sich die Frankfurter nicht so schnell verbieten - auch nicht von der Kunst. Da ist die Grenze überschritten. Und die von Sicherheitsauflagen für die Ausstellung "eingekesselte" Pächterin hatte wohl ziemliche Umsatzeinbußen, wie nicht nur in der Frankfurter Rundschau zu lesen war. Aber nun ist ja alles wieder gut.

Aber wer ist eigentlich dieser Kiepenkerl, was will er uns sagen und wie passt er ins Gesamtwerk von Jeff Koons? Nun rühre ich hier in meinem Milchkaffee und beobachte ihn. Edelstahl, eines der von Koons häufig genutzten Materialien. Auch die Ballon Venus als Reminiszenz an die Venus von Willendorf, die art deco-hafte Metallic Venus und der Rabbit mit Möhre im Innern des Liebieghauses glänzen in Edelstahl, insbesondere durch ihre runden Formen. Der robuste Kiepenkerl passt besser ins Freie, hier an diesen lauschigen Ort, in Zusammenspiel oder Kontrast, jedenfalls Sichtweite zur Bronzerekonstruktion der Athena-Marsyas-Gruppe des Myron. Doch die Motivik irritiert, scheint sie doch eher am Rand des Koonsschen Gesamtkonzepts - glänzend und aus Stahl, aber nicht grellbunt, kein Comicbezug, das Licht bricht sich auf kleinteiligen Flächen... Aber wer ist eigentlich dieser Kiepenkerl?

Er hatte es am Anfang nicht leicht - in Münster. Bei seiner Enthüllung im Rahmen der "Skulptur Projekte 1987" verknotete sich die Schnur, verfing sich das Tuch in der Kiepe, beim dritten Versuch klappte es endlich. Ein Kiepenkerl war im niederdeutschen Sprachraum ein Händler, der auf seiner häufig schwer beladenen Rückentrage Nahrungsmittel und andere Dinge des alltäglichen Bedarfs von ländlichen Gegenden in die Stadt und umgekehrt transportierte und verkaufte. Zur traditionellen Tracht gehörten in Westfalen neben rotem Halstuch auch Gehstock und Pfeife. Zumindest seit dem Ende des 19. Jahrhunderts ist der Kiepenkerl eine Münsteraner Traditionsfigur. Koons ersetzte die bronzene Kiepenkerl-Figur auf dem Münsteraner Platz am Spiekerhof während der Dauer der Ausstellung durch seine originalgetreue Stahl-Nachbildung.   

Nach Koons eigenen Angaben gab es technische Probleme beim Guss, so dass er um die Teilnahme an der Ausstellung nicht zu gefährden eine nicht näher bezeichnete "radical plastic surgery"[1] am Kiepenkerl vornehmen musste. Zur Bedeutung des Kunstwerks erklärt er 1997 "I chose to recreate the Kiepenkerl in highly-polished stainless steel, the luxurious material of the proletariat, in order to transform it into a contemporary symbol for a society which itself has transformed from agrarian to economic.[2]  Nun ja, Bronze ist sicher das ältere, aber wohl kaum weniger wertige Material. Und ob Stahl das Material unseres Zeitalters ist? Auch Ende der 80er Jahre des letzten Jahrhunderts hätte man für den Außenbereich eher an Kunststoffe oder wasserabweisende Hightech-Materialien denken können... 1987 bereits erklärte sich Koons (in einer deutschen Übersetzung) allerdings sehr viel bestimmter zum Kunstwerk: "Da ich mir des möglichen Auftretens von Selbstgefälligkeit und Richtungsverlust beim Objekt-KunstMachen bewußt bin, habe ich beschlossen, mit dem zu arbeiten, was in seiner Existenz bereits klar ist, ein sich selbst gegenüber zynisches Objekt, das sich weder über seine Form, noch über einen kritischen Inhalt definiert. Ich gestalte das Objekt um, rematerialisiere es und nehme ihm seine Seele. Einmal entseelt, fungiert das Objekt als Reflexionsbecken der Gesellschaft, das den Wunsch des Menschen nach sozialem, politischem und ökonomischem Gleichgewicht, nach Unsterblichkeit und Sicherheit reflektiert und ihm entspricht: eine Reflexion von Spiegel zu Spiegel, die menschliche Seele in Entropie."[3]

Ein Kunstwerk als entleertes Gefäß oder blanker Spiegel, jedenfalls als Objekt ohne Seele? Der arme Kiepenkerl. Er hat es wirklich nicht leicht: Abgegossen, schönheitsoperiert, poliert, im Tuch verfangen, die Seele zur Ader gelassen - und in Frankfurt Stein, äh Stahl des Anstoßes. Aber der Kiepenkerl gibt dem Betrachter das beruhigende Gefühl, dass auch bei Koons nicht immer alles perfekt ist.  

Nun heißt es allerdings dem Kiepenkerl Adieu zu sagen, ein Winken - die besten Wünsche für die weitere Reise. Und der Rückbau im Liebieghaus beginnt.

Doppelausstellung JEFF KOONS. THE SCULPTOR und JEFF KOONS. THE PAINTER in der Schirn Kunsthalle und im Liebieghaus Skulpturensammlung in Frankfurt am Main.



[1] zitiert aus: http://www.lwl.org/skulptur-projekte-download/muenster/97/koons/k.htm (Abruf 23. Sept. 2012, 20.08 Uhr MESZ)
[2] zitiert aus: http://www.lwl.org/skulptur-projekte-download/muenster/97/koons/k.htm (Abruf 23. Sept. 2012, 20.09 Uhr MESZ)
[3] zitiert aus: http://www.lwl.org/skulptur-projekte-download/muenster/87/koons/k_koo.htm (Abruf 23. Sept. 2012, 20.09 UHR MESZ)

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