Dienstag, 25. September 2012

[Rezension] "Schokoladengeister" von Jael McHenry

Mit Feingefühl wird Schokolade zur Nebensache


Stellen Sie sich vor, Sie könnten Ihre längst verstorbene Großmutter noch einmal in Ihre Küche holen. Eine Suppe kochen nach ihrem alten Rezept und schon sitzt sie vor Ihnen und gibt weise Ratschläge - gewürzt mit einer rätselhaften Botschaft. Ein schöner Moment, ein heimeliges Gefühl? Wären nicht gerade Ihre Eltern gestorben, Sie hätten sich mit ihrer einzigen Schwester zerstritten, trösteten sich mit einem "Normalbuch", harrten dem drohenden Auszug aus Ihren geliebten "Vier Wänden" und stünden sowieso nicht ganz so fest mit beiden Beinen im Leben...

"Aller schlimmen Dinge sind drei: Mein Vater stirbt. Meine Mutter stirbt. Und dann kommt die Beerdigung."[1]

Ginny, leidenschaftliche Hobbyköchin, filetiert gegen Stress und zur Beruhigung schon mal eine Orange. Sie hat Angst davor Brot zu backen oder ein Joghurt zu essen. "Die Vorstellung, dass die Hefe lebt, machte mich jedes Mal krank. ... Das Einzige wobei ich bei meinen Zutaten bestehe, ist, dass sie tot sind."[2] Der Tod ist auch in anderer Hinsicht ein Problem. Ginnys Eltern sind bei einer Auslandsreise gestorben und sie ist nun auf sich allein gestellt. Ihre Schwester ist ihr in dieser Situation keine Hilfe - und sie ihr auch nicht, Gert, eine gute Freundin des Hauses kann sie nur teilweise stützen, eine Männerbekanntschaft endet tragisch. Mit "ein bisschen Asperger" ist das Leben auch so schon nicht einfach... 

Ginny hat Küchengeister. Durch das akkurate Nachkochen handgeschriebener Rezepte kann sie die Verstorbenen herbeirufen. Solange bis der Duft der Speise wieder erlischt. Die Küche, eine Leseecke und ein Schrank sind Wohlfühlecken, sichere Zufluchtsorte. Ginny ist sehr sensibel, Berührungen sind kompliziert, sie ist geräuschempfindlich und "Außerdem sage ich, was ich denke, und das mögen die Leute nicht."[3]  Kochen bietet ihr kontemplative Ruhe und innere Gelassenheit. Das Normalbuch, das Ginny seit ihrer Kindheit führt, hingegen ist Werkzeug zur "Selbstaffirmation"[4]. Es besteht aus Satzfetzen von Ratgeberkolumnen, die das Wort "normal" beinhalten.

"Also, was haben Sie?" "Haben?" "Eine Art Komplex? Eine Phobie? Eine Störung?" "Eine Persönlichkeit", sage ich.[5]  

Die Geschichte plätschert anfangs vor sich hin, ist zwar leicht lesbar und in ihren reichen Metaphern kraftvoll und verständlich, aber zunächst unbefriedigend. Ginny kocht, ein Geist kommt, ein Rätsel wird aufgegeben, Ginny kocht, ein Geist kommt/kommt nicht... Der Bruch mit der Schwester scheint eine schmerzliche, aber notwendige Erfahrung. Die in den Handlungsstrang eingeflochtenen Rezepte sind angenehmes Beiwerk. Aber irgendeine Zutat fehlt. Erst die Begegnung mit dem verstorbenen Vater bringt die Wendung. Mit oder eher nach der Hälfte gewinnt das Buch parallel zu seiner Protagonistin, es entwickelt sich. Es gewinnt an Einfühlsamkeit, Nähe, emotionalem Tiefgang. Schade, dass sich der Bogen des Einstiegs "Hindere sie [Amanda] daran."[6] nicht ganz konsistent auf das Ende hin spannt. Aber das Leben hat ja auch für gewöhnlich kein Zwischen-Happy End.

Der bisher beste Roman, den ich zum Thema gelesen habe. Es lohnt sich, die anfängliche Durststrecke durchzuhalten, das Leben geht weiter.

McHenry, Jael. Schokoladengeister. München: Diana Verlag, Taschenbucherstausgabe 6/2012. ISBN 978-3453355613. Englischer Titel: The Kitchen Daughter. New York: Gallery Books, 2011.

Anmerkung: Vielleicht wäre statt eines Normalbuchs ein Anderbuch gut. Ein Buch, das täglich daran erinnert, dass die Menschen verschieden sind, mit allen ihren Macken und Liebenswürdigkeiten. Das daran erinnert, dass es gut ist, dass Menschen unterschiedlich sind und alle ihre Berechtigung in unserer Gesellschaft haben, sie bereichern und sie ihren Platz finden können.

[1] McHenry, Schokoladengeister, 2012, S. 9.  
[2] McHenry, Schokoladengeister, 2012, S. 147.
[3] McHenry, Schokoladengeister, 2012, S. 189.
[4] McHenry, Schokoladengeister, 2012, S. 54.
[5] McHenry, Schokoladengeister, 2012, S. 191. 
[6] McHenry, Schokoladengeister, 2012, S. 21.

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