Dienstag, 18. September 2012

[Theater] Breaking the Code im English Theatre Frankfurt am Main

High-IQ in der menschlichen Sackgasse

In "Breaking the Code" erzählt das English Theatre Frankfurt die Lebensgeschichte des britischen Mathematikers, Kryptoanalytikers und einem der Wegbereiter moderner Computertechnologie, Alan Mathison Turing. Turing war einer der Wissenschaftler, die im Zweiten Weltkrieg in der Government Code and Cypher School in Bletchley-Park erfolgreich den deutschen Nachrichtenverkehr entschlüsselten. Mit der 1936 veröffentlichten Arbeit "On computable numbers with an application to the Entscheidungsproblem" und der darin vorgestellten sog. Turingmaschine legte er Grundlagen der theoretischen Informatik.

Bis in den Beginn der 70er Jahre war Bletchley Park als "Top Secret" eingestuft. Nicht nur aufgrund dieser Geheimhaltung ist Turings Leben in mancher Hinsicht rätselhaft. Bereits der Titel des Schauspiels "Breaking the Code" spielt mit Doppeldeutigkeit. Er steht zum einen für das Dechiffrieren, zum anderen für den Bruch mit gesellschaftlichen Konventionen im Großbritannien der beginnenden 50er Jahre. Und auch Turing selbst scheint undurchschaubar.    

"Be wiser than other people if you can; but do not tell them so."[1] (Philip Stanhope, 4. Earl of Chesterfield)

Trotz seiner großen Leistungen war Turing bis lange Zeit nach seinem Tod kein gefeierter Held. "Breaking the Code" beginnt mit der ernüchternden Schlüsselszene, in der er einem Polizisten stotternd von dem Einbruch in seine Wohnung am 23. Januar 1952 berichtet. Er verstrickt sich im Laufe der Befragungen mehr und mehr in Widersprüchlichkeiten und Lügen, so dass letztlich seine sexuelle Beziehung zu einem 19-jährigen Mann offenbar wird.

"E pericoloso sporgersi" (Alte Weisheit Zugreisender)

Was hat Alan Turing getrieben, diesen Einbruch anzuzeigen - seine Arbeitsstelle, seine Reputation zu riskieren? Der Diebstahl betraf wohl banale Dinge wie z.B. 5 Fischmesser, eine Tweedhose und eine halbvolle (!) Flasche Sherry. War Turing verärgert, gekränkt oder forderte Gerechtigkeit? Dachte er wirklich, er könnne die Liaison verheimlichen - seine Verdienste im Zweiten Weltkrieg würden ihn schützen? Im Großbritannien der beginnenden 50er Jahre - Geschlechtsverkehr mit einem minderjährigen Mann.

Turing hielt sich nicht an gesellschaftliche Konventionen und verstieß gegen geltendes Recht. Die Gründe lassen sich heute nur schwer rekonstruieren. Angeklagt und verurteilt, unterzog er sich einer Östrogen-Therapie. Seine Putzfrau fand ihn am 8. Juni 1954 - Tod durch Zyanidvergiftung, neben dem Bett ein angebissener Apfel, beinahe 42 Jahre alt.

Wer einen Enigma-Krimi oder einen Zweite Weltkriegs-Thriller im English Theatre erwartet, wird enttäuscht. Emotional leise und mit Schreibmaschinengeräuschen startend, gewinnt das Schauspiel zunehmend an Dynamik, hintergründiger Dramatik und spätestens im Monolog Turings über künstliche Intelligenz hat das English Theatre die Zuschauer für sich gewonnen. Stephen Fewell spielt Alan Turing sehr feinfühlig und empathisch in seinen wechselnden emotionalen Zuständen; dennoch bleibt die Titelfigur nebulös, rätselhaft, kaum zugänglich. In höhenversetzte Spielfelder geteilt, ermöglicht die Simultanbühne mittels weniger Requisiten rasche Szenenwechsel und unterstützt so das Verständnis der in zeitlichen Sprüngen agierenden Geschichte.

Das English Theatre schließt das Play mit der schneewittchen-liken, symbolträchtigen Selbstmordversion des Todes von Alan Turing durch einen mit Zyankali präparierten Apfel, die nicht zweifelsfrei belegt ist. War sein Tod vielleicht doch Folge einer Nachlässigkeit oder ein Unfall? 

Mit Logik lässt sich Turings Handeln in Bezug auf den Einbruch und sein dadurch bedingtes Outing nicht erklären. Verriet er sich wirklich versehentlich bei seiner Aussage in der Polizeistation? Inwiefern trug die aufoktroyierte Hormonbehandlung zu Depressionen und Selbstmordgedanken bei? Welche Rolle spielten die Beschuldigungen, durch seine Homosexualität sei er ein staatliches Sicherheitsrisiko? 

Zahlreiche Gedenkveranstaltungen in aller Welt ehren Alan Turing zu seinem 100. Geburtstag. Am 23. Juni 2012 widmete Google ihm ein interaktives Code-Doodle. Das Heinz Nixdorf Museumsforum in Paderborn präsentiert noch bis 16. Dezember 2012 „Genial & Geheim – Alan Turing in 10 Etappen“, das Science Museum London zeigt bis zum 31. Juli 2013 die Sonderausstellung "Codebreaker – Alan Turing's life and legacy". Im Jubiläumsjahr ehrt die Royal Mail Alan Turing mit einer Briefmarke der Serie "Britons of Distinction".

Breaking the Code im English Theatre Frankfurt am Main. Schauspiel von Hugh Whitemore aus dem Jahr 1986, basierend auf der Biografie "Alan Turing: The Enigma" von Andrew Hodges aus dem Jahr 1983. Regie Michael Howcroft. Noch bis zum 27. Oktober 2012.


[1] Letters to His Son, 19. Nov. 1745. Zitiert nach: Wikiquote, "Philip Stanhope, 4th Earl of Chesterfield", http://en.wikiquote.org/w/index.php?title=Philip_Stanhope,_4th_Earl_of_Chesterfield&oldid=1492505 (abgerufen am 17.09.2012, 20:32).

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