Samstag, 10. November 2012

[Kunst-Ausstellungen] Raffael. Zeichnungen im Städel Museum in Frankfurt am Main

Ideen, Entwicklung, Entstehung, Realisierung

Die wahrscheinlich meistgestellte Frage an Max Hollein, Direktor des Städel Museums, am Tag der Eröffnung war: "Sind die auch echt?" Mancher vermutete gar eine gezielt lancierte Marketing-"Must See"-Aktion des Städels. Die Anspielungen fußten auf der von der Süddeutschen Zeitung in der letzten Woche losgetretenen Medienwelle um die Frage der Zuschreibung des bereits in 2010 aus einer Privatsammlung angekauften, sog. "Julius-Porträts". Lange als Raffael-Nachahmung verstanden, wird das Gemälde Papst Julius II. aus der Zeit der italienischen Hochrenaissance heute "Raffael und Werkstatt" zugeschrieben. In den Jahren 1511/1512, der Datierung des Bildnisses, war Raffael auf malerischen Höhenflügen und viel beschäftigt, u.a. mit der Ausstattung der berühmten Stanzen im Papstpalast des Vatikans und der "Sixtinischen Madonna". Schon das Sujet herrscherlicher Bildpropaganda verlangte nach mehreren Ausführungen des Motivs; so sind heute u.a. in London und Florenz vergleichbare Werke erhalten. Zweifel an Qualität und Duktus regen die Diskussion um Zuschreibung und etwaigen Anteil verschiedener Protagonisten an. Zur Frage, ob das Gemälde "mehr Raffael" oder "mehr Werkstatt" oder vielleicht "ganz anders" zuzuschreiben ist, wird die für November 2013 geplante Ausstellung im Städel Museum sicher weitere Anregungen und vielleicht näheren Aufschluss geben.

Nun aber zur aktuellen Ausstellung mit hervorragenden und spannenden Zeichnungen Raffaels - und auch ein bisschen Werkstatt :) In 48 Zeichnungen, davon 11 aus der hauseigenen Grafiksammlung plus Leihgaben aus hochkarätigen Museumssammlungen der Welt, präsentiert das Städel Museum "Raffael. Zeichnungen". Als bedeutendste deutsche Sammlung von Raffael-Zeichnungen, deren Grundstein bereits durch Johann David Passavant gelegt wurde, zeigt das Städel die erste Ausstellung dieser Größenordnung in Deutschland. Erfolgreich führt es den Besucher an unplakative, fast fragile, häufig unterschätzte Meisterwerke heran. Das Licht - den millionenteuren Ausstellungsstücken geschuldet - stark gedimmt, teilt die in blauem Farbton gehaltene Ausstellungsarchitektur den Raum in vier, nicht rechtwinklige Kompartimente plus zwei Schaukojen, in denen eigens produzierte Filme zu Zeichentechniken und zur Dekoration der Chigi-Kapelle in Sta. Maria della Pace in Rom gezeigt werden. Die Themen der Ausstellung sind: Madonna mit Kind, "Erzählung ohne Handlung", Historienbilder und die Ausstattung der Chigi-Kapelle. Museumsdidaktisch - und heute oft nicht mehr selbstverständlich - wurde jedem Blatt eine erläuternde Erklärung beigefügt und, wo möglich, eine Abbildung des aus ihr hervorgegangenen Gemäldes.

Viel gibt es zu entdecken. Themen, Techniken, Übermalungen, Ideen, Entwicklungen. Die Faszination der - mal detailliert linierten, mal grob und schwungvoll skizzierten - Zeichnungen liegt darin, in den Entstehungsprozess der Gemälde Raffaels einzutauchen, einen Blick über seine Schulter zu erhaschen. Bei manchen Skizzen, wie der als Vorzeichnung zur Sixtinischen Madonna bezeichneten Kompositionsstudie "Madonna mit Kind in einer Glorie; zwei Armstudien" (1511/1512), ist nur schwer zu erahnen, wie der Wandlungsprozess bis hin zum Gemälde verlief. Bei anderen, wie den drei Studien für die "Madonna im Grünen", die schwerpunktmäßig Komposition, Lichtführung und figurale Ausgestaltung zeigen, gelingt dies nahezu mühelos. 

Augenmerk der Ausstellung liegt auf der bildlichen Erzählkunst Raffaels. Dies wird besonders deutlich in den narrativen Umsetzungen des Themengebiets "Erzählung ohne Handlung", das Motive zu abstrakten Begrifflichkeiten - von "Der Traum des Ritters" (1502/1503) über mehrere Studien zur Disputa (des allerheiligsten Sakraments, 1508/1509) für das Fresko in der Stanza della Segnatura im Vatikan bis hin zu "Die Lehre der zwei Schwerter" (1512) - lebendig werden lässt. Den Historienbildern im dritten Themenbereich ist das Erzählerische inhärent und so wird gekämpft und erobert, mit Schild zu Fuß und zu Pferde. Bildkomposition, kraftvolle Bewegung und Rhythmik kommen besonders in der sehr modern wirkenden Zeichnung "Nackte Krieger im Kampf um eine Standarte" (um 1505/1506) zum Ausdruck, deren Entstehung in die Phase nach Raffaels Ankunft in Florenz fällt. Manche thematische Zuordnungen allerdings sind ungewöhnlich, wie eine regelrecht eingefrorene Darstellung der "Pietá" (um 1511/12) zu den Historienbildern - auch scheint das narrative Moment hier aufs Minimum reduziert.

Der abschließende Themenbereich "Die Chigi-Kapelle in Santa Maria della Pace, Rom" beschäftigt sich mit dem wohl um 1511/1512 von Raffael begonnenen Dekorationsvorhaben dieser Kapelle. Hier können mit der zeichnerischen Entstehung der Ausstattung auch einige der unterschiedlichen Techniken Raffaels studiert werden. Häufig warf er einen ersten Gedanken in einer Federzeichnung auf Papier. Die Weiterentwicklung der Figuren, deren Kombinationen und Lichtstudien erfolgten dann teils in Mischtechniken aus vorgeritzten Linien mittels Griffel, in Tinte, Silberstift, schwarzer Kreide, in Deckweiß überhöht und/oder - ab ca. 1510 vermehrt - in Rötel. Der Karton als Endstufe der Vorbereitung zum Gemälde wurde häufig in Kohle ausgeführt. Transfers von Blättern erfolgten bis hin zur direkten Vorlage für Fresken über (seitenverkehrten) Abklatsch, einfaches Pausen mit Kohle oder mittels Einstichen im Pauspunktverfahren.

Raffael starb am 6. April 1520 in Rom. Weder er noch sein Auftraggeber Agostino Chigi erlebten die Fertigstellung der Kapellenausstattung, die durch Arbeiten von Raffaels Schülern bis hin zur Skulptur "Habakuk und der Engel" von Gian Lorenzo Bernini über die Mitte des 17. Jahrhunderts andauerte.

Die Ausstellung "Raffael.Zeichnungen" leitet den Besucher an, Zeichnungen nicht nur als Vorlagen, sondern als Dokumente der Entstehung von Gemälden Raffaels wahrzunehmen. Denkprozesse von den ersten Ideen bis hin zum vollendeten Kunstwerk werden nachvollziehbar. Auch die unterschiedlichen Techniken, die Raffael virtuos beherrscht, faszinieren. Ein schöneres Entrée und eine bessere optische Lesbarkeit der Textbeiträge könnten zusätzliches Wohlgefühl auslösen. 

Raffael. Zeichnungen im Städel Museum in Frankfurt am Main. Noch bis 3. Februar 2013.

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