Dienstag, 1. Januar 2013

[Rezension] Rotes Gold von Tom Hillenbrand

Zu frischer Fisch

Nach seinem Krimi-Debüt "Teufelsfrucht" ermittelt der Luxemburger Koch Xavier Kieffer in Sachen Sushi. Monsieur Allégret, seines Zeichens Bürgermeister von Paris, hat das Musée d'Orsay kurzerhand für ein privates Sushi-Dinner mit handverlesenen Gästen okkupiert. Darunter auch Xavier als mäßig begeisterter Begleiter seiner Freundin, der Verlegerin des bekannten Restaurantführers Gabin, Valérie. Nach der ersten Vorspeise des exklusiven Omakase allerdings schlägt der japanische Starkoch Ryuunosuke Mifune der Länge nach auf die Holzdielen - Tod durch Fischvergiftung. Für Allégret ein Eklat. Unter Verabreichung einiger Delikatessen bittet er Xavier Kieffer um Nachforschungen - Spesen unbegrenzt. Hat sich ein so erfahrener Sushi-Koch wie Mifune durch Nervengift in Oktopus-Tentakeln aus Versehen selbst vergiftet? Oder ist es doch - Mord? Kiefer ermittelt.

"Rotes Gold" ist eine erfrischende, schwungvolle und spannende Kriminalgeschichte mit einem liebenswert kauzigen Hauptdarsteller. Der rauchende, leicht übergewichtige Koch mit ehrlicher Küche im eigenen Restaurant und elsässischem Humor - sympathisch, bodenständig, Xavier Kieffer. Allerdings: Kieffer fischt zunächst im Trüben. Mit Hilfe seiner Freunde Toro, einem Sushi-Koch, und Pekka Vatanen, einem finnischen EU-Beamten nähert er sich langsam dem Kern der Lügen, Intrigen und Machenschaften um das "Rote Gold", den Bluefin. Die Geschichte greift mit ein paar Seitenhieben auf die Politik die Überfischung unserer Meere auf und der Leser lernt einiges über Fisch, Fischfang, Aufzucht, Fangquoten, illegalen Thunfischhandel, Kalkulation und Handelsspannen, Mafia und Yakuza. Interessante Einblicke in die luxemburgische wie die japanische Kultur und Küche werden gewährt. Manches ist realistisch-unappetitlich beschrieben, wie das Verspeisen eines Ortolans oder die sizilianische Mattanza. Anderes macht Lust auf mehr - also Hunger :) Ein Glossar hilft, wenn das Fachvokabular gar zu abwegig scheint - und auch das Lëtzebuergesche Wëllkarpaangecher und Huesenziwwi zu verstehen.

Insgesamt scheint die Geschichte gut recherchiert; kleine Fauxpas, wie die Forelle als eine Art "preiswertere Meerestiere" (S. 206) zu bezeichnen, inklusive :) Leider scheint das Buch von einer Zigarettenfirma gesponsert, deren Markenname auffällig häufig erwähnt wird. Manchmal gleiten die Landschaftsbeschreibungen ins Episch-Langatmige ab, auch kommen die Nebenfiguren und die Liebesgeschichte des ungleichen Paares für meinen Geschmack zu kurz. Und dem Cover hätte ich sowohl ein bisschen mehr Bezug zur Geschichte, als auch Fantasie gewünscht.

Wer einen Hardcore-Krimi, viel Blut, Action oder einen Thriller erwartet, wird hier enttäuscht. "Rotes Gold" ist eine ruhige Feinschmecker-Kriminalgeschichte mit weitem Spannungsbogen, in ihrer luxemburgischen Art beschaulich und mit Muße zu genießen. Aber ein bisschen Agentenromantik mit Augenzwinkern fehlt auch hier zwischendurch und am Ende nicht :)

Ein kulinarischer Krimi, bei dem schließlich der Induktionsherd nicht mehr der einizge Hotspot ist und ein Fisch enormen Ausmaßes an die Angel geht :) Nicht hungrig lesen! Fortsetzung folgt, im Sommer 2013.

Hillenbrand, Tom. Rotes Gold. Ein kulinarischer Krimi. Xavier Kieffers zweiter Fall. Köln: Kiepenheuer & Witsch, 2012.

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen

Hinweis: Nur ein Mitglied dieses Blogs kann Kommentare posten.