Samstag, 19. Januar 2013

[Kunst-Ausstellung] Kolloquium Raffael: Unklassische Werkprozesse im Städel Museum

Nachwirkungen Einsteinscher Theorie...

Zum Auftakt des wissenschaftlichen Kolloquiums "Raffael als Zeichner" sprach Prof. em. Dr. Werner Busch (Berlin) zum Thema "Unklassische Werkprozesse. Zeichnung und Sinnstiftung". Das Kolloquium findet anlässlich der noch bis zum 3. Februar 2013 geöffneten Ausstellung "Raffael. Zeichnungen" im Städel Museum in Frankfurt am Main von 18. bis 20. Januar 2013 statt.

Nur wenigen Rednern gelingt bei einem öffentlichen Einführungsvortrag zu einem internationalen Expertenkolloquium der Spagat zwischen beidem. Prof em. Dr. Busch, dessen wissenschaftliche Schwerpunkte vor allem im 18. und 19. Jahrhundert, der Kunsttheorie, Druckgrafik sowie Handzeichnung liegen und der bereits zu Beginn der 1980er Jahre Leiter des Funkkolleg "Kunst" war, hatte sich leider von vornherein für eine Experten-Rede entschieden, die nur einen Teil der Anwesenden ansprach. 

Ausstellung und Kolloquium zum Anlass nehmend entrollte Busch, beginnend bei Raffael einen Bogen spannenden Exkurs über Tintoretto nebst Sohn, hin zu Rembrandt und bis in das Deckengemälde des Treppenhauses der Würzburger Residenz von Tiepolo. Roter Faden des Vortrags war die kunsttheoretische Unterscheidung zwischen dem klassischen und dem unklassischen Bild von Beginn der Renaissance an.

Was ist nun dieses Klassische bzw. Unklassische? Nach einem kurzen Exkurs über die wissenschaftliche Zeichnung stellte Busch zunächst die Kriterien der klassischen Form anhand von Zeichnungen Raffaels unter Bezugnahme auf den von Vasari geprägten Begriff des Disegno vor. Raffaels Zeichnungen stellen demnach bis hin zum Gesamtkonzept direkte Vorzeichnungen für seine Werke dar und bestimmten als Vorgaben, auch im Hinblick auf die Werkstattorganisation, stark und im wesentlichen die Ausführung. Tintoretto hingegen schuf keine Gesamtentwürfe trotz der teilweise sehr hohen Komplexität seiner Werke. Im Gegensatz zu Raffael nehme Tintoretto keine klassische Erzählhaltung ein, so Busch, seine Vorzeichnungen dienten nicht der definitiven Formfindung und ein Probieren und Austarieren des Gesamtbilds sei erst auf der Leinwand erfolgt. Wenn das Ergebnis in etwa den erwartenden / gegebenen Konventionen entsprochen hätte, sei der schöpferische Prozess abgebrochen, jedoch nicht vollendet worden. An Zeichnungen von Rembrandt ging Busch vor allem auf die Vorklärung von thematisch Möglichem und dem Intermediären ein, dem Umstand, dass Rembrandt beim Stocken in der Ausführung eines Bildes häufig die Zeichnung zum Ausprobieren von Lösungen nutzte, der Suche nach Motivmöglichkeiten und Inspirationen nachging. Anhand der Capricci und Scherzi von Tiepolo (datiert in die 1740er Jahre) zeigte Busch zusätzlich die "schamlose" Montierung von Versatzstücken, die mehrfache Verwendung von Figuren in gänzlich voneinander abweichenden Motivzusammenhängen. Tiepolo sei - im Gegensatz zu Raffael - nicht Erzähler, er zeige lediglich, führe das Auge nicht, sondern zerstreue es. Bis hin zu ironischer Motivbehandlung, die Busch anhand des allzu bescheidenen Talerregens des greisenhaften Jupiter an die propere Danae (datiert 1734/36) sowie der Radierung "Anbetung der Könige" (um 1750) aufzeigte, bei der der Heilige Geist am Kind vorbeischrammt und "am Ochsen hängenbleibt" :)

Am Ende des Vortrags grübelt der geneigte Zuhörer, versucht zu verstehen, sortiert im Geiste nach Schwarzweiß-, also Klassisch-Unklassisch-Schema bekannte Gemälde und Zeichnungen durch, ordnet ein, hinterfragt, zweifelt. Da wirft Dr. Martin Sonnabend (Städel, Leiter Grafische Sammlung bis 1750) dem Referenten die Frage zu, ob Raffael denn nicht auch in mancher Hinsicht - oder ob das vielleicht ein Missverständnis sei - das Unklassische repräsentiere. Und Prof. em. Dr. Busch räumt ein, dass es sich bei der Einteilung in das Klassische versus das Unklassische keinesfalls um ein starres, im Gegenteil um ein relatives Beurteilungsschema handele - wenn bspw. Bernini mit Borromini verglichen werde, sei Bernini der Klassische, während ein Vergleich von Bernini mit Poussin letzteren als klassisch hervorbringen würde.

Aha, also doch nichts wirklich Neues - alles bleibt mit Einstein relativ. Vielleicht lassen sich ja Datierungsprobleme von Kunstwerken in Zukunft mit dem Zwillingsparadoxon lösen, Schrödingers Katze ist schließlich auch tot und lebendig - wobei: Buridans Esel verhungert zwischen zwei Heuhaufen... :)

Raffael als Zeichner. Wissenschaftliches Kolloquium im Städel Museum in Frankfurt am Main von 18. bis 20. Januar 2013. Raffael. Zeichnungen im Städel Museum in Frankfurt am Main - noch bis 3. Februar 2013.

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