Samstag, 5. Januar 2013

[Kunst-Ausstellung] TRADING STYLE im Weltkulturen Museum in Frankfurt am Main

Modisches Stimmengewirr

Ein ungewöhnliches Projekt, das über das von einem Museum traditionell Erwartete - Sammeln, Ordnen, (Auf-)Bewahren und Präsentieren - hinausgeht. Das hauseigene Forschungslabor des Weltkulturen Museums ermöglichte vier Mode-Designern bzw. Designer-Teams aus Deutschland, Großbritannien, Nigeria und Australien sich mit ethnografischen Artefakten, Filmen und Fotografien über jeweils mehrere Wochen vertraut zu machen, auseinanderzusetzen und inspirieren zu lassen. Nun sind neue Kreationen und historische Exponate gemeinsam ausgestellt. 

"Weltmode im Dialog" - so der Untertitel. Einen Dialog zwischen alt und neu, zwischen Historie und Zukunft hatte ich erhofft, ein Wechselspiel, ein gegenseitiges Befruchten, Aktion-Reaktion, leise-laut, dunkel-hell, Anregen, Beflügeln, Begeisterung... Hm, vielleicht ein wenig zu euphorisch :)

Aber zunächst von vorn, also vor dem Eingang, den im Halbdunkel zu finden die erste Herausforderung war. Hinein und - unglaublich - hier wird dem Besucher ein fast 50seitiger Ausstellungsführer in die Hand gedrückt - einfach so. Rosafarben, aber kostenlos :) Ich war so verwirrt, dass ich fragte, ob ich ihn am Ausgang wieder abgeben muss... Einladend auch die durch die Villa vorgegebene Struktur mit großem Entrée, Tisch, Stühlen, Katalogen. Links der erste futuristisch anmutende "Krieger", bunt gewandet in einem Mix aus neuguineischer Tanzmaske, togolesischer Baumwoll-Hose und dem Rest - Shirt, Bomber-Jacke, Sweater-Schal, Socken, Kappe, Kette - von P.A.M..

Doch ein bisschen unheimlich, also flux vorbeigeschlichen und in eine wohl-subjektbezogen-sortierte Vitrinenwelt eingetaucht. Hier Kopfbedeckungen - Perücken, Brautkrone, Bollenhut-Leihgabe, Mützen. Dort Taschen - indonesisch, westafrikanisch, aus Seehundfell, Leder, Plastik. Dann Schmuck für Kopf, Ohren, Haare, Arme, Brust... In einer Vitrine werden jeweils locker hundert oder mehr Jahre "zusammengeschaut", dazu an den Wänden dekorative Fotografien. Wann und woher ist angegeben - aber warum und wieso sind die Gegenstände jetzt, hier, beieinander? Eine Art unargumentiertes Überangebot; häufig nur das Gefühl "Ach ja, schön!", "Hm, exotisch!" oder eben "Boeh, wie hässlich!". Eindrücke - kein Begreifen, historisches Einordnen, Gewichten, Verknüpfen, kein Halt, kein Zusammenhang. Ein wenig detektivischer Spürsinn blitzt auf. Wessen Hals trug die Kette aus Jaguarkrallen, zu welchem Anlass wurde der überdimensionierte "Tirolerhut" aus Neuguinea aufgesetzt oder wie fühlten sich die in enge chinesische Schuhe geschnürten Füsse an? Fremde Orte, Jibaro, Ucayali, Kamayurá, Brasilien, Chimbu, Neuguinea. Hm.

Und wo ist das neue Design, die inspirierten Entwürfe, wo der Dialog? Ein erster Hinweis im letzten Raum des Erdgeschosses. Die Fotowand - historische Bilder gemischt mit aktuellen Modefotografien der vier Designer / Designerteams.

Im Obergeschoss wird das Versprechen der Gegenüberstellung, der Verbindung, der Inspiration von Altem zu Neuem teilweise eingelöst. Eine samoanische Bastmatte liegt Seite an Seite mit einem handgestrickten Designer-Pullover aus Wolle - grober Bast zu grobem Strick von "A Kind of a Guise". Neue Batik-Prototypen in Blau, Taupe und Koralle, Mexican Patchwork, Mini Dress und zeitgenössische Fotografien exotischer Orte stehen und liegen bei ethnologischen Artefakten: Masken und Kostümen aus Melanesien, Neuguinea, Indonesien sowie Seifen- und Kräuterteeverpackungen aus Mexiko. Es eint Buntes, Struktur. Eine Wand berieselt mit einem lauten Film, von P.A.M bunt eingekleidete Puppen in Ethnoprints, Karos, einfarbig. Ein Raum mit Netztaschen - zeithistorisch. Neben einem Warnhinweis zeigt der Film "Blood Rites" Körperbemalungen und blutige Tätowierungen. Dazu ein Rucksack (gesammelt 1964), eine Kette mit Metallschlüsseln, massige LED-Ohrpflöcke und edle Seiden- und Baumwollshirts mit Digitalprint von CassettePlaya - inspirierte Muster. Eine Fotoserie mit großflächigen Tattoos von Greg Semu 1994/1995 - sehen aus wie Strumpfhosen. Eine pflanzenfaserne Brauthaube aus Neuguinea im Kontrast zu einem Braided Headdress aus Kunsthaar von Charlie le Mind x CassettePlaya. Rasseln, Flöten und Maultrommeln stehen Kleidungsentwürfen und Ausführungen von Buki Akib in traditionellen, handgewebten Stoffen (Aso Oke) aus Nigeria relativ unvermittelt gegenüber. Kreativ die Collagen von P.A.M, die je einen Frauenkopf mit Tonkrug zeigen; das Gesicht verdeckt, mal mit einem Schildkrötenpanzer, einer Hütte oder einer Art Ameisenhügel. Ohne Erklärung.

Bei über 500 Objekten gibt es viel zu entdecken. Das Gebäude angenehm zurückhaltend, die Ausstellung mal kein beworbener Hype. Ein Ausstellungsführer und Beschriftungen, die allerdings viele Fragezeichen offen lassen. Wahrscheinlich hatten die eingeladenen Künstler viel Freude am kreativen Gestalten, vielleicht haben sie sich von den Artefakten, Filmen und Fotos inspirieren lassen und der Dialog hallt noch wispernd in den Vitrinen wider. Aber als Besucher konnte ich das Gespräch leider nicht belauschen, noch mitreden.

TRADING STYLE - Weltmode im Dialog im Weltkulturen Museum in Frankfurt am Main. Bis zum 31. August 2013.

Die beteiligten Modedesigner:
A Kind of Guise (Deutschland) www.akindofguise.com
CassettePlaya (Großbritannien) www.cassetteplaya.com
Buki Akib (Nigeria) www.bukiakib.com
Perks and Mini / P.A.M (Australien) www.perksandmini.com

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