Samstag, 2. Februar 2013

[Rezension] Manet malt Monet von Willibald Sauerländer

Urlaubsstimmung an der Seine

Der Umschlag lockt mit dem schwungvollen Pinselstrich des farbenfrohen Gemäldes (Portrait de) Claude Monet peignant sur son bateau-atelier à Argenteuil aus dem Jahr 1874 von Édouard Manet. Doch zunächst wird es ernst. Denn Willibald Sauerländer beginnt seine Darstellung in der Zeit des Deutsch-Französischen Kriegs 1870/71, der Commune und deren Ende im Frühling 1871. Ein wenig kunst/historischer Background kann nicht schaden, um dem - mitsamt Fußnoten und teils farbigen Abbildungen - nur ca. 70 Seiten starken Bändchen in wechselnden Tempi, Erzählschleifen und Auslassungen zu folgen. 

Von der Niedergeschlagenheit, der traumatisierten Stimmung während und nach den kriegerischen Auseinandersetzungen erzählt Sauerländer. Frankreich ist gezeichnet - aber nicht von seinen Malern. Denn (inter arma silent musae): Viele Künstler waren aus Paris geflüchtet - aufs Land bzw. in andere Länder, oder sie waren, wie Auguste Renoir, zum Kriegsdienst verpflichtet. Claude Monet floh nach London und traf dort auf Camille Pissarro. Édouard Manet blieb, wie Edgar Degas, im belagerten Paris. Die wenigen seiner erhaltenen Werke aus dieser Zeit spiegeln ihn in fast depressivem Duktus tief betroffen wider. Auch beim Familienurlaub am Meer nahe Bordeaux zeigt der Vorfrühling im Intérieur á Arcachon triste Züge oder zumindest nicht die erwartete impressionistische Leichtigkeit - gelangweilter Müßiggang anstelle heiterer Stimmung. 1873 stellt der Pariser Salon neben Manets Gemälde von Berthe Morisot, Le Repos, Le Bon Bock aus, das Sauerländer als "...im Spektrum der Malerei der vie moderne eigentlich als eine künstlerische und gesellschaftliche Entgleisung ..."[1] bezeichnet. Leider erwähnt er nicht, dass die Zeitgenossen begeistert waren - vom Gemälde und dass Manet sich "...endlich gebessert und ein Bild gemalt [habe], an dem man seine Freude haben könne."[2] :)

Manets Malweise ändert sich im Sommer 1874 in Argenteuil. In einem retardierenden Moment führt Sauerländer den Leser aber zunächst in die Welt Monets ein. Und geht interpretatorisch manchmal weit, wenn er beispielsweise dem Gemälde Hotel des roches noires. Trouville" aus dem Jahr 1870 "...eine beinahe Proustsche Atmosphäre..."[3] bescheinigt. Nach der Zeit in London kommt Monet über Holland und Paris mit seiner Familie nach Argenteuil und wohnt in einem von Manet vermittelten Haus mit Garten an der Seine. Hier am Wasser, ob mit Ruderern oder Segelbooten allein oder in der Verbindung mit den beiden Eisenbrücken Argenteuils, wie beispielsweise hier, malte Monet fast nur noch Pleinair. Dazu ließ er - wohl im Jahr 1873 - sein schwimmendes Atelier bauen, das Sauerländer auf Seite 32ff. in Augenschein nimmt.

Während Monet der Bewegung mit Impression, soleil levant aus dem Jahr 1872 ihren Namen gibt, zögert Manet, lehnt die Teilnahme an der Ausstellung 1874 ab und scheitert am Salon. Danach entspannte man sich in Argenteuil, Manet kam zu Besuch zu Monet, und auch Renoir - sie malten sich gegenseitig. Manet adaptierte die Pleinair-Malerei ohne seine Studien am 'Leben', an Situationen, Menschen und Milieu aufzugeben. Seine Farbpalette wird farbiger, kräftiger, leuchtend. Um es mit Sauerländer auszudrücken: "Manet macht also aus dem ihm eigentlich fremden Impressionismus eine sozial spezifisch codierte Erzählweise, oder man könnte auch sagen einen ikonographischen Modus: <Ferienmalerei>."[4]

Im 1874 entstandenen Gemälde Argenteuil, geht es nicht um Fluss oder Brücken, sondern um die inszenierte Abbildung der illustren Freizeitgesellschaft, soziales Rollenspiel vor Landschaft. In dieser Zeit entstanden wahrscheinlich sowohl das unvollendete Doppelportrait "Claude und Camille Monet in dem Boot-Atelier" als auch das Cover-Bild "Monet in seinem Atelier (Argenteuil)", das bis zum Tod in Monets Besitz blieb. Dem Wechsel der ausführlichen Gemäldebeschreibungen Sauerländers lässt sich hier manchmal nur schwer folgen. Mehrmals weist er darin auf das damalige Rollenverständnis hin, "...welche die <Herren> tätig werden läßt, während die <Damen> ohne öffentliche Aktivität schmückend, melancholisch und etwas leer hinter ihnen zurückbleiben."[5]

Ab Seite 55 folgt ein Exkurs zum Sujet des Malers im Atelier. Sauerländer vergleicht das Titelgemälde mit vier älteren Gemälden, u.a. mit Rogier van der Weydens (Werkstatt) Der Evangelist Lukas malt die Madonna (um 1440), das Manet wohl nicht gekannt hat. Er schließt mit der Anmerkung, dass "Manet das traditionelle Atelierbild auf das Wasser und unter den freien Himmel"[6] versetze. Naheliegende Hinweise auf zeitgenössische Gemälde, wie beispielsweise Renoirs Monet peignant son jardin à Argenteuil, fehlen. Das Essay endet mit einem Abstecher zur Einsamkeit des Alters von Monet - und obligatorisch: zur Unergründlichkeit der Seerosen.

Das Titelbild zeigt ein Gemälde seiner Zeit. Das auf der Buchrückseite Versprochene: "Willibald Sauerländers eleganter Text erschließt den Sinn des Bildes als Programmbild einer ganzen Epoche." kann das Bändchen leider nicht einlösen. Wohl auch der Kürze des Textes geschuldet, der überarbeitet aus einem Vortragstext aus dem Jahr 2004 hervorging, werden wesentliche kunst/historische Zusammenhänge dem Wissensschatz des Lesers überlassen. Ein schönes Geschenkbändchen mit Abbildungen auf wertigem Papier - wenngleich ein wenig oberpreisig.


Sauerländer, Willibald. Manet malt Monet. Ein Sommer in Argenteuil. München: Beck Verlag, 2013 (2012).


[1] Sauerländer, Willibald. Manet malt Monet, S. 17.
[2] Duret, Théodore. Eduard Manet. Sein Leben und seine Kunst. Bremen: Europ. Literaturverlag GmbH, 2012, S. 100. (Nachdruck der Ausgabe Berlin: Verlag Paul Cassirer, 1910)
[3] Sauerländer, Willibald. Manet malt Monet, S. 20. 
[4] Sauerländer, Willibald. Manet malt Monet, S. 42.
[5] Sauerländer, Willibald. Manet malt Monet, S. 51.
[6] Sauerländer, Willibald. Manet malt Monet, S. 61.

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