Freitag, 26. April 2013

[Theater] Der Meister und Margarita im Schauspiel Frankfurt

Sinn, Irrsinn, Unsinn

„Nun gut, wer bist du denn? Ein Teil von jener Kraft, die stets das Böse will und stets das Gute schafft.“ (Faust I, Verse 1334-1336)

Während der Besucher noch auf der Sinnsuche ist, ist das Stück schon längst beendet. Das mag anderenfalls ein "Das Spiel regt zum Denken über das Sein und das Nichtsein an, beflügelt und inspiriert." bedeuten. Aus der Inszenierung von Markus Bothe bleibt der Zuschauer allerdings verwirrt zurück und hat wahrscheinlich später einen unruhigen Schlaf...

Das Schauspiel Frankfurt inszeniert mit Der Meister und Margarita einen komplexen Klassiker der russischen Literatur des 20. Jahrhunderts an dem der Satiriker Michail Bulgakow über ein Jahrzehnt schrieb. Während Bulgakow die letzte Fassung seines Lebenswerks bereits im März 1940 - kurz vor seinem Tod - beendet hatte, erschien der Roman erst 1966/67 zensiert und in Fortsetzungen in der Literaturzeitschrift Moskwa, später 1973 ungekürzt und in Buchform.

Die Vielschichtigkeit, den thematischen Umfang und das breite Spektrum an Arten von Literatur der Romanvorlage kann die Inszenierung nicht darstellen, einordnen und verorten. Entäuschend ist jedoch, dass sie es noch nicht einmal versucht. Der vielfältige Themenbogen von Der Meister und Margarita reicht von der Satire gegen den uns vielleicht bereits befremdlich anmutenden, atheistischen, bürokratisierten Staatssozialismus der Sowjetunion unter Stalin - teils in Allegorien und symbolhaft -, über den Bereich Teufel (als eine der Hauptfiguren) und Gott (aus dem Off), Leben, Liebe und Tod (der Meister und Margarita), über Jesus und Pontius Pilatus mit "Was ist Wahrheit?" und dem Nebenthema des Künstlers und der Kunst hin bis zu den Schwerpunktthemen: dem Faustmotiv, der Feigheit und der Erlösung. Der Zuschauer, der nicht wenigstens eine Zusammenfassung des Romans und eine Kurzbiografie Bulgakows gelesen hat, verliert sich alsbald im Treiben der Gestalten auf der großen Drehbühne mit rotem Stern vor offenem, schwarzen Bühnenhintergrund. Klamauk, Langeweile und spritzendes Theaterblut wechseln mit einigen spannenden Ideen und interessantem Vortrag. Leider werden Themen und Motive des Romans nur geteast, aber nicht getaggt. Hier trifft dichter Kontext auf blasse Umsetzung.

Teufel, Meister und Margarita kennt der Zuschauer aus dem Goetheschen Faust. Der Pakt mit dem Satan, der Ball mit Margarita als Königin und letztlich die Rettung des Meisters und Margaritas sind grotesk überhöhte Versatzstücke. Zudem ist das Werk Bulgakows in weiten Teilen autobiografisch. Wie der Meister unterlag der Autor stalinistischer Zensur und verbrannte die erste Fassung seines Werks. Und in der Wohnung Nr. 50 in der Bolschaja Sadowaja Straße 10, in der Bulgakow von 1921 bis 1924 lebte, bezieht der Teufel mit seinen beiden Gespielen Quartier. Der Roman bietet phantastische Kompositionslösungen und eine synthetische Zusammenführung auch der von Bulgakow genutzten Literaturspielarten, wie der (zumindest vordergründig) exakten Schilderung historischer Ereignisse sowie der realistischen Erzählung zeitgenössischer Gegebenheiten mit Fiktion, Sagenhaftem, Satire, seichtem Witz sowie der Philosophie und religiösen Einstellung Bulgakows. Nicht jedoch die Frankfurter Inszenierung. Auch die Musik von Get Well Soon (Konstantin Gropper) schwächelt: Zwar teils live gespielt, aber in musicalhafter Liedermacher-Manier mit eigens getextetem Reim-Dich-oder-halt-nicht an manch unpassender Stelle - das kann Gropper besser :)

Das Ende versöhnt mit dem Spiel. Der rote Stern zerfällt. Die Erlösung steht im Mittelpunkt - die Ruhe und nicht das Licht. Selbst der Teufel ist schließlich nur Werkzeug von Vergebung und erlangter Freiheit.

Leider gelingt es der Inszenierung von Der Meister und Margarita im Schauspiel Frankfurt nicht, den komplexen Sachverhalt des Romans von Michail Bulgakow verständlich und anschaulich in seinen thematischen Handlungssträngen darzustellen. Letztlich wird das angerichtete Durcheinander mit der Erlösung der Hauptfiguren beendet, aber nicht aufgelöst. Schade.

Der Meister und Margarita im Schauspiel Frankfurt.

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