Montag, 8. Juli 2013

[Rezension] "In den Augen der anderen" von Jodi Picoult

Manche Stories sind anscheinend so gut, ...

... dass locker drei Romane nahezu identischen Inhalts verkäuflich sind... Wie "Der beste Tag meines Lebens" von Ashley Miller und Zack Stentz und das sozusagen ursprüngliche Werk "Supergute Tage oder Die sonderbare Welt des Christopher Boone" von Mark Haddon, entwickelt Jodi Picoult in dem bereits im März 2010 in der englischen Version, nun im Juni als Taschenbuch in Deutschland erschienenen "In den Augen der anderen" die Geschichte eines - da 14-, dort 15- und hier 18jährigen - Jungen im Themengewebe Autismus/Asperger/Heranwachsende. In allen drei Büchern wird hierzu - in mehr oder weniger unterhaltsamer Umsetzung - ein Kriminalfall bemüht.

Für den Preis von EUR 9,99 erhält der Leser zunächst einmal viel Papier; schwer und naja, nicht gerade das schönste haptische Erlebnis :) Weder das Cover noch der Titel sind übermäßig spannungsgeladen. Und 688 Seiten können lang werden... Während der Roman über die ausschweifende Einführung der Hauptfiguren spannend, bis über die nächsten etwa hundert Seiten noch interessant bleibt, wird ab ca. der Mitte des Buches die Auseinandersetzung mit zwar leicht verständlichen, jedoch zu ausführlich geratenen Gerichtsverhandlungsszenen gemischt mit sicherlich gut recherchierten, theoretischen Ausführungen zu Asperger und dem Rechtssystem der USA sowie den wiederholt ähnlichen und gleichen Missverständnissen zwischen den Protagonisten, grenzwertig lesbar. Da helfen auch die als Stilmittel eingesetzten Perspektivwechsel nichts, eher im Gegenteil. 150 übersprungene Seiten fehlen nicht merklich zum weiteren Verständnis der Story - leider.

Anstelle des Romanprotagonisten Jacob als Person steht Asperger als Syndrom im Vordergrund; stellenweise wird die Story so regelrecht zum Sachbuch neutralisiert. Eine Kriminalgeschichte mit Potenzial entwickelt sich leider nicht zu einem spannenden Verwirrspiel à la Christiescher "Mausefalle", sondern rutscht ins familiendramatisch Umsichkreisende ab. Ein spannendes Thema wird verschenkt, das Ende ist offensichtlich. Schade.

Asperger scheint immer noch in zu sein und als vermeintlich leichtere Form des Autismus gut verkäuflich. Vielleicht könnten die nächsten Romane zum Thema ja mehr Einfallsreichtum beweisen, indem sie nicht nur den Namen der Hauptfigur, die Farbphobie von Gelb/Braun über Blau nach Orange und/oder den Wechsel von Primzahlen zu Fibonaccifolgen variierten, sondern die Autoren sich mal eine neue, eigene Story ausdenken würden. Mein Favourite ist und bleibt das Original von Mark Haddon.

Picoult, Jodi. In den Augen der anderen. Bastei Luebbe Taschenbuch, Juni 2013. ISBN  978-3404168248. Originaltitel: House Rules, März 2010 bei Atria Books.

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